Eltern, Menschen, Leben

Stark gegen Mobbing

Ich habe schon mal einen Artikel über das Thema Mobbing geschrieben. Siehe hier
Und manch einer denkt nun vermutlich: Oh nein, nicht noch eine, die jetzt was darüber sagen will. Aber das möchte ich. Denn der Tod von Kasia Lenhardt, einer jungen Frau, die ich selbstverständlich nicht kannte, hat mich dennoch schockiert. Auch wenn ich nicht weiß, was sie durchgemacht hat, was sie erlebt hat oder wie es ihr ging- Mobbing schien dabei eine große Rolle zu spielen. Und das ist schlimm.
In meinem Beitrag habe ich vor einiger Zeit über meine eigenen Erfahrungen geschrieben und darüber, was ich daraus gemacht habe.
Es geht mir heute gut, sehr gut sogar. Ich bin glücklich und zufrieden mit mir als Person. Ich stehe hinter dem, was ich mache und kämpfe für meine Ziele.
Meine Schulzeit aber habe ich nicht vergessen. Diese Zeit wird immer in meiner Erinnerung bleiben und es gibt Tage, an denen ich mich von einer Sekunde zurück versetzt fühle, als wäre es gestern gewesen.
Dieser Moment, als meine Lehrerin mich an die Tafel rief und ich schweißgebadet aufstehen musste; ich spürte die Blicke der anderen in meinem Rücken. Das waren keine bewundernswerten Blicke. Keine aufmunternden Blicke. Ich war weder akzeptiert, noch wurde ich respektiert. Ich wurde teilweise angeschaut wie der letzte Dreck.
Schon morgens bekam ich Bauchschmerzen bei dem Gedanken aus dem Bus aussteigen und mich wiederholt den Menschen in der Schule stellen zu müssen. Ich war nicht immer allein. Ab und zu, vor allem in den späteren Jahren hatte ich den ein oder anderen, mit dem ich zusammen auf den Unterricht wartete oder den Raum wechseln. Aber keiner kann die ganze Zeit neben dir sitzen und dich beschützen.
Es sind die kleinen Dinge, die ausreichen, um das Selbstwertgefühl eines Menschen zu zerstören. „Ausversehen angerempelt werden“, die Tasche aufheben müssen, die vom Tisch geschubst wurde oder eben diese Blicke.
In der Cafeteria allein am Tisch zwischen hundert anderen Schülern zu sitzen war bei mir an der Tagesordnung. Nie hätte ich mich getraut zu fragen, ob ich mich irgendwo dazu setzen könnte.
Doch schlimmer als das physische Mobbing empfand ich die verbale Gewalt. Und ich nenne es bewusst so… Im Sportunterricht stand ich bis zum Schluss in der Ecke, dann wurde ich als letzter Schüler in eine Gruppe gewählt- natürlich unter Stöhnen der anderen und selbstverständlich wurde ich mit meinem Spitznamen gerufen. Dann war ich so nervös und angespannt, dass ich meistens nicht besonders gut war; dafür bekam ich die Quittung.
Wenn du Angst davor hast, dass ein Lehrer deinen Nachnamen sagt, weil du genau weißt, dass der Rest der Klasse dann zu kichern beginnt- weil sie den Namen nämlich ganz witzig verändert haben; und wenn dich alle angeekelt anschauen, weil irgendjemand behauptet hast, dass du stinkst- obwohl jeder weiß, dass das Quatsch ist- dann irgendwann gibst du auf und resignierst. Vor allem wenn alle anderen einfach nur zusehen- und keiner sagt etwas. Alle schauen weg.
Ich habe resigniert und zwar sehr früh. Ich habe mir niemals die Mühe gemacht, darum zu bitten, dass meine Mitschüler mich in Ruhe lassen. Denn ich wusste wie aussichtslos das war.
Stattdessen kämpfte ich immer wieder um Anerkennung. Ich freute mich so, wenn jemand plötzlich nett zu mir war und ihr ahnt nicht, wie oft ich auf die Schnauze fiel. Ich hatte überhaupt kein Empfinden mehr dafür, wann mich jemand ausnutzte und verarschte (sorry) und wann es jemand ernst mit mir meinte. Es war ein ewiger Kreislauf, der sich täglich von morgens bis in die Nachmittagsstunden zog.
Irgendwann vertraute ich mich meiner Mutter an; sie spürte, dass es mir gut ging und versuchte mir zu helfen. Aber ich wollte weder, dass sie mit den Lehrern redete, noch wollte ich einen Schulwechsel in Betracht ziehen. Wieso nicht? Das weiß ich nicht. Vielleicht hätte es mir geholfen. Aber ich war sicher, überall das selbe Problem zu haben. Denn der Fehler lag bei MIR. Dummer Name. Hässliches Gesicht. Zu wenig Intelligenz. Das dachte ich damals.

Also zog ich diese Zeit durch. Aber ich wusste, dass ich nicht allein war. Ich hatte meine Eltern im Rücken und viel später auch einige Freunde.
Meine Schulzeit war die blanke Hölle. Aber ich habe nie daran gedacht, aufzugeben.
Heute ist es immer noch so, dass ich oft an das Gute im Menschen glaube und mich sehr lange schlecht behandeln lasse, bevor ich verstehe, dass es Grenzen gibt. Ich arbeite daran und ich mache Fortschritte. Aber manchmal falle ich wieder in dieses Muster: dann will ich anderen gefallen, kämpfe um Anerkennung und vergesse dabei fast mich selbst.
Glücklicherweise bin ich nun alles andere als allein. Ich habe meine Familie und meine Freunde, die mir immer wieder Mut zusprechen, einfach an mich glauben und für mich da sind. Und wenn ich Hilfe brauche, dann nehme ich sie in Anspruch.
Kasia Lenhardt ist gestorben und ich denke immer wieder daran, wie ihr Leben ausgesehen hat. Egal, ob sie unter miesen Kommentaren gelitten hat, unter herabwürdigen Blicken oder unter Respektlosigkeit. Jede Art von Mobbing kann großen Schaden anrichten.
Vielleicht sollten wir aufhören einen Menschen zu beurteilen, wenn wir ihn nicht oder kaum kennen. Auch nicht nach seinem Äußeren oder nach der Länge seiner Handynutzung.
Jeder hat eine Geschichte. Ob man sie nun kennt oder nicht.
Denn eines muss sich jeder bewusst machen: Ihr seid gut, so wie ihr seid. Egal was andere sagen. Wenn ihr euch verändern wollt, dann tut es nur für euch, aus freiem Willen. Bleibt stark und lasst euch nicht alles gefallen. Es muss euch gut gehen, das dürft ihr nicht vergessen.
Und am wichtigsten ist: vertraut euch anderen an. Holt euch Hilfe. Ihr seid nicht allein.

 

„Nummer gegen Kummer“:
Kinder- und Jugendtelefon: 116111 (montags bis samstags von 14-20 Uhr), Elterntelefon: 0800/111 0 550 (montags bis freitags von 9-11 Uhr, dienstags und donnerstags zusätzlich von 17-19 Uhr). NUMMER GEGEN KUMMER 

 

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