Alltagsabenteuer

Starke Kinder, starke Eltern- Leben mit der Pandemie

Ich kann es einfach nicht mehr hören- ich habe es so satt. Corona hier, Maskenpflicht da. Klar, da werde ich vermutlich nicht die einzige sein und ich habe auch nicht vor einen Beitrag über Corona zu schreiben.
Aber dass dieses Virus Auswirkungen auf unsere psychische Gesundheit hat, da sind wir uns sicher auch alle einig.
Zu Beginn der Pandemie war geschockt, frustriert, verängstigt. Wir können von Glück sagen, dass unser kleines Drachenbaby nur acht Wochen vorher am Herzen operiert worden war und sich schon im Genesungsprozess befand. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, wie es gewesen wäre, wenn wir nicht bei ihr hätten sein dürfen. Oder nur einer von uns. Ich brauchte meine gesamte Familie, um diese Zeit durchzustehen. Allein wäre ich untergegangen.
Dann kam Corona. Die Welt veränderte sich von einem Tag auf den anderen. Lockdown, Maskenpflicht, Kontaktverbot.
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich einen Text gelesen (Quelle unbekannt), indem sich der Verfasser darüber aufregt, dass sich die Menschen wegen einiger Wochen Lockdown die Haare raufen- vergleichbar mit dem, was die Menschen damals im Krieg erleben mussten, sei das doch gar nichts. Und ich gebe dem Verfasser recht- jedoch nur bedingt.
Denn jede neue, ungewohnte Situation macht uns Angst. Isolation macht Angst. Veränderung macht uns Angst. Eine Zukunft, die wir nicht erahnen können, macht uns Angst.
Und wie sollten wir eine solch extreme Einschränkung wie beispielsweise das Kontaktverbot einfach weg stecken, wenn wir sehen wie sehr unsere Kinder darunter leiden? Das ist unmöglich.
Corona hat Auswirkungen auf unser ganzes Leben. Die Wirtschaft leidet, bricht gefühlt fast zusammen. Das gesellschaftliche Miteinander hat sich verändert; jeder misstraut jedem, der andere könnte eine Gefahr sein, kaum einer traut sich aus dem Haus, wenn man am Morgen zweimal niesen musste, aus Angst blöd angeschaut oder schlimmer, direkt angesprochen und verurteilt zu werden. Und unsere Kinder? Die müssen durchhalten.
Meine Kinder und all die, die ich in meinem Umkreis näher kennen, machen es hervorragend. Aber sie halten einfach nur durch. Irgendwann bricht auch das stärkste Kind zusammen.
Wir setzen unsere Kinder den härtesten Einschränkungen überhaupt aus und erwarten gleichzeitig, dass sie sich benehmen und keinen seelischen Schaden davon tragen.
Ich bin unheimlich stolz auf meine zwei Mädchen. Von einem Tag auf den anderen musste ich meiner dreijährigen Tochter erklären, dass ihr Kindergarten nun geschlossen war. Zu diesem Zeitpunkt ging ich bewusst nicht näher auf die Gründe ein- und sie fragte auch nicht.
Irgendwann dachte sie natürlich darüber nach, wieso sie nicht in die Kita durfte und ich macht ihr klar, dass so wenig Menschen wie möglich krank werden durften. Das war´s und sie war zufrieden damit.
Der erste Lockdown war so hart für uns. Obwohl sich mein kleines Mädchen so bemühte, die meiste Zeit absolut lieb und verständnisvoll war, wenn ich mich um ihre winzige Schwester kümmern musste und sie zurück gestellt wurde, merkte ich wie sie sich veränderte. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber eine Mutter kennt ihr Kind.
Trotzdem konnten wir die Wochen und Monate irgendwie überstehen- man wird kreativ. Wir wurden Stammkunde bei allen möglichen Online- Händlern, sammelten Kartons für Höhlen und Boote, kauften Schminke, kochten, backten, machten Videotelefonate und ließen ungefähr sechs Stunden täglich den Fernseher laufen (Ja, auch ohne Home- Office!). Ich weiß, ich hatte zu diesem Zeitpunkt weder einen Job, sondern Elternzeit, nur zwei Kinder und darunter ein Baby. Aber ganz ehrlich- jede Situation ist in Corona- Zeiten eine Herausforderung. Immer.
Nach den ersten Monaten kostete es mich eine immense Kraft überhaupt in den Tag zu starten- diesen ungeplanten Tag, der sich wie jeder andere ewig lang hinzog und jegliche Energie aus mir heraus saugte.
Meine Kinder forderten mich zusätzlich rund um die Uhr.
Und die ganze Zeit dachte ich: Wow… Sie macht es so toll.
Mein großes Mädchen- ich war so stolz. Ab und an erzählte sie von den Kindern aus ihrer Kita- Gruppe und ich versuchte immer darauf einzugehen.
Sie steckte es so gut weg, dachte ich; die fehlende Förderung, die sie sonst in der Kita bekam, die ich ihr einfach nicht bieten konnte- so sehr ich mich auch anstrengte. Der fehlende Kontakt. Kontakt zu anderen Menschen, gleichaltrigen Kindern. Mal mit jemand anderem spielen, als mit Mama und Baby, altersgerecht in Phantasiewelten einsteigen und die Außenwelt vergessen. Sie nahm es so gut auf.
Aber jetzt… ein Jahr nach Beginn der Pandemie merke ich erst, WIE sehr mein Kind diese schreckliche Situation belastet… zum Beispiel, wenn sie vor mir steht und aus einem mir völlig unbekannten Grund anfängt zu weinen (und ich meine nicht dieses trotzige, zickige Wut- Heulen). Wenn sie sich von mir, dem Papa oder Oma und Opa nicht trennen will und totale Verlustängste zeigt. Oder wenn sie still auf dem Sofa liegt und ins Leere starrt.
Ich kenne diese Verhaltensweisen nicht von ihr. Ja, natürlich kann man nicht alles auf Corona schieben. Meine Tochter ist stur, dickköpfig, trotzig, temperamentvoll und voller Liebe. Aber ich kenne ihre Phasen und ihre Gefühlsausbrüche. DAS ist anders.
Und immer wieder habe ich Angst, dass ich sie überfordert habe. Hätte ich ihr die Krankheit mehr erklären sollen? War ich nicht kreativ genug? Habe ich sie vernachlässigt oder zu sehr geschimpft?

Es gibt Tage, an denen ich extrem an mir zweifle. An meinen Fähigkeiten als Mutter, die gefühlt auf eine Probe gestellt wurden.
Aber Leute- ganz ehrlich. Das letzte Jahr war eine Ausnahmesituation. Wir alle sind an unsere Grenzen gestoßen, mussten Strategien entwickeln und hatten sicherlich oft das Gefühl alles falsch zu machen und zu versagen.
Das haben wir aber nicht! Jeder von uns hat sein Bestes gegeben, um diese Situation zu meistern. Und dazu gehört sowohl Verständnis, Geduld und viel Liebe, als auch ein stetig laufender Fernseher, stressbedingtes Laut werden und Frust und Überforderung.
Die Pandemie hat uns als Eltern verändert. Unsere Erziehungsmethoden. Und unsere Kinder. Jetzt gilt es durch zu halten und weiterhin für unsere Kinder dazu sein. Wenn wir sie in ihrem Alltag weiter begleiten, offen mit ihnen und für sie da sind, wenn sie uns brauchen, sie trösten, stärken und trotzdem als ihre Eltern agieren, haben wir eine Chance all das zu überstehen. Wir schaffen das. Gemeinsam.

 

Nachtrag: Ich habe in diesem Artikel nur meine eigene Sicht der Dinge beschrieben und möchte hier weder jemanden verurteilen, noch über andere werten.

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