Entwicklung

Familie mit Herz- am Anfang ist es schwer…

Hallo Februar 2021…

Es ist für mich manchmal noch immer kaum zu glauben, dass ich zweifache Mama bin. Wir sind Eltern von zwei wunderschönen, dickköpfigen, tollen Mädchen. Und nun haben wir schon den zweiten Monat des Jahres, unser kleines Baby ist fast anderthalb Jahre alt. Die Zeit vergeht wie im Flug, mit Kindern und Corona noch schneller.
Über ein Jahr ist es nun schon her, dass unser Drachenbaby am Herzen operiert wurde. Nach einer endlos langen, anstrengenden Schwangerschaft, in der wir in der 22. Woche auf das Schlimmste vorbereitet sein sollten (siehe Beitrag „Was wäre wenn…?“), kam am 04.10.2019 unser kleines Mädchen zur Welt. Wir wussten, dass sie einen Herzfehler hatte, der definitiv lebensbedrohlich war und behandelt werden musste. Wie schwer dieser Herzfehler war konnte allerdings erst nach der Geburt festgestellt werden.
Und so wurde unser Baby, unsere zweite Tochter, direkt nach der Geburt auf die Intensivstation gebracht, kurz nachdem wir fünf viel zu kurze Minuten mit ihr verbringen durften.
Wir kannten das ja schon. Auch unsere ältere Tochter musste sofort auf die Intensivstation und war plötzlich weg. Weg von uns, nur dreißig Minuten nach der Geburt. Es gab kein Kuscheln, kein Stillen oder tränenreiches Realisieren, dass man nun Eltern geworden war. Stattdessen waren wir allein- ohne unser Kind und mussten warten, bis wir zu ihr durften.
Nun hatten wir das Gefühl ein schreckliches Dejá- Vu zu erleben. Während unser Baby schon auf dem Weg zu ihrer Station war hatte ich noch etwas Zeit mich zu erholen, dann wurde ich in mein Zimmer geschoben.

Mein Mann fuhr nach Hause, um unsere große Tochter abzuholen, die bei ihren Großeltern auf den Papa wartete. Eigentlich war sie mit ihm gemeinsam auf einem Kindergeburtstag gewesen, doch dann platzte meine Fruchtblase drei Wochen zu früh und der Drachenpapa raste zu mir ins Krankenhaus. Hals über Kopf, im wahrsten Sinne des Wortes, denn er ließ unsere Große beim Geburtstag, von dort wurde sie zu meinen Eltern gefahren.
Als der Papa sie dann abholen wollte, war er mit seinen Nerven so am Ende, dass er nach Hause fuhr- Ohne Kind. Nachdem meine Eltern ihn erinnerten, dass er jemanden vergessen hatte, holte er sie und brachte sie und sich völlig fertig ins Bett.

Ich wurde nach einigen Stunden Pause zu meinem Baby ins Zimmer gefahren und dort lag sie. Winzig klein, voll verkabelt und kaum zu erkennen unter all den Schläuchen.
Der Anblick schockierte mich jedoch nicht, ich kannte das ja. Und was ich auch kannte war der Schmerz- ich meine nicht die Schmerzen nach dem Kaiserschnitt (die wohlgemerkt auch unfassbar ätzend sein können), sondern das Gefühl, dass einem das Herz rausgerissen wird, wenn man in sein Zimmer gebracht wird und sein Kind zurücklassen musste. Ich wusste, dass sie gut umsorgt war. Aber ich wollte sie einfach bei mir haben.

Die folgenden Wochen waren die härtesten Wochen, die wir seit der Geburt unserer ersten Tochter erlebt hatten. Ich blieb eine Weile im Krankenhaus, wandelte wie schlaftrunken zwischen meinem Zimmer und der Station meiner Tochter hin und her, um sie zu besuchen, ihre Hand zu halten, Milch abzupumpen, vorbei zu bringen und kurz zu schlafen, obwohl ich eigentlich keine Sekunde ohne sie sein wollte. Ich zwang mich etwas zu essen, noch schneller abzupumpen und klammerte mich an die Freude, die ich verspürte, wenn mein Mann und meine große Tochter mich besuchten. Irgendwann durfte unser Baby auf die Neugeborenen- Station und atmete mit nur geringer Atemunterstützung.
Glücklicherweise hatte sie „nur“ eine Aortenisthmusstenose, also eine Herzerkrankung, die definitiv operiert werden musste, mit der sie jedoch auf Dauer ohne schwerwiegende Probleme würde leben können. Anders als geplant sollte die Operation jedoch erst in ein paar Wochen und nicht direkt nach der Geburt stattfinden.
Für uns bedeutete das: Sie durfte nach Hause, jedenfalls bis zum OP- Termin.
Es dauerte fast drei Wochen, in denen ich jeden Tag hoffen musste, dass sie ihre Temperatur halten und ihr Gewicht steigern konnte, damit wir endlich gehen konnten. Täglich zitterte ich vor der Visite und immer nahmen mir die Ärzte meine Hoffnung.
Zugegeben: Ich war enttäuscht, jedes Mal. Aber hier ging es nicht um mich, sondern um die Gesundheit unseres Babys.
Dann endlich kam der Tag, an der die Ärztin uns gehen ließ. Wir wurden zusätzlich zur Hebamme mit einer Krankenschwester, vielen Infos und einigen Medikamenten ausgestattet und durften heim.
Ich kann unser damaliges Gefühlschaos kaum beschreiben. Ich war so glücklich, wir würden endlich zu viert zuhause sein. Ich hatte unfassbare Panik- was, wenn ich die Medikamente falsch dosierte? Oder etwas mit dem Herzen war, ohne dass ich es merkte? Ich freute mich auf Weihnachten mit der Familie und hatte Angst, weil die Operation zum Jahresbeginn, direkt nach Neujahr stattfinden würde.

Tatsächlich lief alles eigentlich ganz gut. Unsere kleine Maus nahm nur langsam zu, aber auch das hatten wir mithilfe der Krankenschwester im Blick. Das Trotzkopfkind liebte ihre kleine Schwester von Herzen und betüttelte sie von allen Seiten. Keine Spur von Eifersucht. Wir verbrachten ein wunderschönes Weihnachtsfest mit der ganzen Familie, doch ich spürte unterschwellig meine Angst. Ich konnte mich nicht fallen lassen, meine Gedanken wanderten immer wieder zum Termin.

Dann, nach einem anstrengenden Silvester und vielen schlaflosen Nächten war es so weit.

Ganz früh am Morgen fuhren wir mit unseren zwei Mädchen zu meiner Schwester und ihrer Familie. Unsere große Maus konnte dort mit ihrer Cusine und ihrem Cousin spielen, während wir mit dem Drachenbaby in die Klinik fuhren.
Dort meldeten wir uns an und nur dreißig Minuten später gaben wir unser kleines Baby in die Obhut von Ärzten, die ihr Herz operieren und so ihr Leben retten würden.
Ich kann meine Gefühle in diesem Moment kaum in Worte fassen. Ich klammerte mich an meinen Mann, der mich festhielt, ich konnte nicht weinen, aber zitterte am ganzen Körper. Mir brach der kalte Schweiß aus und ich hatte das Bedürfnis zu schreien und mein Baby zurück zu holen.
Die Tür ging zu. Sie war fort.
Wir fuhren zurück zu meiner Schwester, die in der Nähe wohnte und beschlossen von dort auf den erlösenden Anruf zu warten. Während mein Mann mit meinem Schwager redete, fuhr ich mit meiner Schwester und den Kindern zusammen in ein Familiencafé. Immer wieder hörte ich eine Stimme in meinem Kopf, die mir sagte, dass etwas schief gegangen war. Gleich würde ich den Anruf bekommen, dass unser Baby nicht gerettet werden konnte. Jedes Mal schüttelte ich den Kopf und versuchte positiv zu denken. Es war so schwer. Aber die Ärzte wussten was sie taten.
Glücklicherweise hatte ich mit den drei Kindern kaum Zeit nachzudenken und brachte die Stunden einigermaßen gefasst hinter mich.

Dann, endlich, nach sechs quälend langen Stunden kam der Anruf. Die zuständige Ärztin war am Telefon und teilte mir mit, dass die Operation beendet war. Alles war gut gegangen, unser Baby hatte es überstanden. Ein riesiger Stein fiel uns vom Herzen. Wir küssten und umarmten uns und fuhren los in die Klinik, um unserer kleinen Tochter bei ihren schwersten Stunden beizustehen.
Das Schlimmste lag hinter uns. Und wir hatten es gemeistert. Gemeinsam als Familie.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.