Schwangerschaft & Geburt

Abschied von Zuhause, Teil 2

Nun wussten alle Bescheid. Mein Mann beruhigte sich am Telefon etwas, mein Puls war wieder im Normbereich und wir waren der Meinung, das gemeinsam zu schaffen. Nicht, dass wir irgendeine Wahl gehabt hätten… Wir MUSSTEN das schaffen.
Ich wurde zu den Stationsschwestern geschickt, die mir ein Zimmer zuweisen sollten. Nachdem ich heute nun schon die fünfte Stunde hier saß, konnte ich es kaum erwarten, endlich ein Bett zu bekommen und die Füße hochzulegen.
Zögerlich klopfte ich an der Tür des Schwesternzimmers. Eine ältere, kleine Dame sprach mich an: „Zimmer? Wir haben kein Zimmer frei!“ Oh super… Aber gut, ich war vorgewarnt worden, dass es ein wenig dauern konnte. Eine Dame musste noch entlassen werden.
„Kann eine Stunde dauern. Oder zwei, drei.“ Man, das wurde ja immer besser hier. Meine Laune verlagerte sich langsam an den Tiefpunkt.
Ich bekam etwas zu Essen angeboten (immerhin), was ich aber dankend ablehnte, da ich in der Cafeteria gegessen hatte.
Also griff ich mir meine recht sperrige Kliniktasche und suchte mir im Wartebereich des Flurs einen Platz auf den unfassbar unbequemen Stühlen. Ich finde echt, dort sollte ein wenig mehr Gemütlichkeit herrschen… Immerhin sitzen die Leute da stundenlang. Aber gut.
Darauf eingestellt, hier sehr lange zu sitzen, informierte ich alle, die grob Bescheid wussten, über meine Lage… Sah mir Bilder meines Trotzkopfkindes an, schluckte aber die nächsten Tränen hinunter. Es nutzte ja nichts. Ich war jetzt hier.

Glücklicherweise konnte ich mit meiner engen Freundin alles regeln, denn das Trotzkopfkind war natürlich noch bei der Tagesmutter.
Meine Freundin rettete die Lage, indem sie das Trotzkopfkind dort abholte und mit zu sich nahm, bis der Papa kam. Ich war so stolz auf mein Kind. Kein Gemotze, kein Gejammere, weil jemand anderes vor ihr stand. Sie freute sich einfach, ihre Freundin gleich zu treffen. Das erleichterte mein Herz immens.
Während meiner zweistündigen Wartezeit stand ich auf, lief über den Flur, setzte mich wieder hin und ließ meine Gedanken schweifen. Ich konnte nicht fassen, dass die Schwangerschaft so gelaufen war. Eine Herausforderung nach der anderen. Und nun war ich hier.
Dann endlich kam die Stationsschwester und teilte mir mit, dass ich nun in mein Zimmer konnte. Brav watschelte ich hinter ihr her. Ehrlich gesagt hatte ich ein bisschen Angst vor ihr- ich glaube, mit der sollte man sich nicht anlegen.
Ich bekam ein Dreibettzimmer mit zwei sympathischen Mädels, die mich direkt gut aufnahmen und ein wenig einwiesen.
Tja… hier saß ich nun. In einem fremden Bett. Nicht zuhause.

Der restliche Tag verging wie im Flug. Ich packte aus, Schwestern und Ärzte kamen vorbei, machten Tests, überprüften meine Gesundheit und erklärten mir alles nötige. Schon war es nach 18 Uhr, das Abendessen wurde serviert und der Tag war um.
Tatsächlich fühlte ich mich nicht so einsam, wie erwartet. Wir drei Mädels kamen schnell ins Gespräch und lernten uns ein wenig kennen. Das half mir sehr.
Samstags kamen der Drachenpapa und das Trotzkopfkind zu Besuch. Ich konnte es kaum erwarten, meine Kleine in die Arme zu schließen und zu kuscheln, gleichzeitig hatte ich eine riesen Angst vor dieser Begegnung. Was war, wenn sie beim Abschied die Nerven verlieren würde, weil ich hier blieb? Das würde mir das Herz brechen!
Als sie endlich da waren, war es soweit. Ich nahm sie in die Arme und drückte sie fest an mich. Sie schaute sich etwas verwirrt um und legte ganz still den Kopf auf meine Schulter. Mein Gott, ich würde sie nie wieder loslassen…
Der Drachenpapa hatte tiefe Ringe unter den Augen und war unglaublich müde, denn unser Mädchen hatte sehr wenig und sehr schlecht geschlafen. Ich hoffte innerlich, dass sich das schnellstmöglich ändern würde. Er brauchte ja auch Kraft.
Gemeinsam setzten wir uns in den Wartebereich. Das Trotzkopfkind lief herum, beschäftigte sich selbstständig und ich genoss es, ihr einfach zu zuschauen und sie ab und zu zu umarmen. Gott, ihre Nähe fehlte mir so sehr. Und dabei sprachen wir von einer Nacht… Es lagen noch so viele vor uns!

Nach einer Weile war es so weit. Der Drachenpapa und das Trotzkopfkind fuhren nach Hause. Es fiel mir so schwer, sie gehen zu lassen.
Ich begleitete sie zum Ausgang und rechnete mit dem schrecklichen Weinen und viel Herzschmerz.
Doch als ich mich verabschiedete, kletterte das Trotzkopfkind auf Papas Arm und sagte: „Mama Arbeit“.
„Ja, ich bleibe hier und gehe noch zum Arzt. Du gehst mit Papa nach Hause, okay?“, korrigierte ich sie.
Sie nickte und wiederholte wieder, dass ich zur Arbeit gehen müsste. Gut, völlig egal, dachte ich. Hauptsache es half ihr.
Sie drückte und küsste mich, ich verabschiedete mich von meinem Mann, dann drehten die zwei sich um und waren fort.
Ich musste wieder schlucken. Sie gingen. Nach Hause. Und ich blieb hier… Schon hätte ich heulen können vor Sehnsucht. Aber ich dachte an unser Baby. Für unsere zweite Tochter war ich hier. Ich musste auch an sie denken.

Über die nächsten zwei Tage stellte sich der Krankenhausrhythmus ein. Aufwachen, Blutabnahme, Blutdruckmessung, Frühstück, Visite, Blutdruck, Mittagessen, Blutdruck, Abendessen, Blutdruck, schlafen. Dazwischen bekam ich viel Besuch, jeder brachte mir was mit, wünschte uns das Beste, versuchte mich abzulenken. Die Zeit verging wie im Fluge.
Ich hing dauerhaft am Handy, wollte immer Informationen von meinem Mann, wie es zuhause lief und merkte, wie ich mich nach und nach entspannte. Zuhause lief es großartig. Das Trotzkopfkind ging recht widerstandslos in ihr Bett und hatte beschlossen, ab jetzt immer an die acht bis zehn Stunden durch zu schlafen. Sie freute sich weiterhin auf die Tagesmutter und sie und der Drachenpapa verplanten ihre Nachmittage regelmäßig mit Besuchen, Ausflügen und Spieldates.
Für mich war es so wichtig und tat unglaublich gut zu wissen, dass es mit den beiden problemlos funktionierte. Der ganze Krankenhausaufenthalt wäre für mich viel schrecklicher, wenn zuhause ein weinendes, nach Mama schreiendes Kind sitzen würde.
Abgesehen davon machte es mich glücklich zu merken, wie die Beziehung zwischen dem Drachenpapa und dem Trotzkopfkind immer inniger wurde. Diese Zeit gemeinsam, nur die zwei, war goldwert. Das durften sie in vollen Zügen genießen.

Am Montag besuchten sie mich wieder. Und es war noch schöner als ein paar Tage zuvor. Wir saßen eine Weile draußen vor dem Krankenhaus, das Trotzkopf suchte meine Aufmerksamkeit und spielte mit mir. Zwischendurch drückte sie in die Windel, doch da sie etwas Verstopfung hatte, tat es ihr so weh, dass sie weinte. Und ich weinte mit. Am liebsten hätte ich ihr diesen Schmerz sofort genommen.
Im Zimmer wollte sie nicht auf meinen, sondern Papas Schoß… Ein komisches Gefühl, welches mir definitiv einen Stich versetzte. Aber als sie malen wollte, konnte ich sie zu mir locken und genoss es, ihren Duft einzuatmen und ihre Wärme zu spüren.
Ich liebe sie so sehr… wie sollte ich es nun wieder Tage ohne die beiden aushalten??

Glücklicherweise lief auch der heutige Abschied problemlos.

Am Abend telefonierte ich noch einmal mit meinem Mann. Wir überlegten, etwas an seinem Urlaub zu ändern. Er verschwendete wertvolle Tage. Ich hing hier herum und er hatte frei. So dachte ich zumindest.
Unsere Diskussion wurde schnell hitzig, wir motzten uns an, dann sagte ich nur: „ Jaja, du hast recht.“ Und legte auf. Ich war wütend und begann zu weinen.
Mir war klar, dass er Recht hatte. So, wie wir das nun organisiert und geplant hatten, war es am einfachsten und am besten für alle. Das wusste ich.
Aber ich war mit meinen Nerven heute irgendwie am Ende. Und der kleine Streit hatte mir den Rest gegeben.
Zurück in meinem Zimmer sprachen wir nochmal kurz, vertrugen uns wieder und brachten die Stimmung wieder auf eine gesunde Basis.
Wir waren beide fertig mit den Nerven. Manchmal vergaß ich, dass auch er besorgt, gestresst und verzweifelt war. Vor mir wirkte er immer so stark. Für mich. Für uns.
Nachdem er das Trotzkopfkind ins Bett gebracht hatte, schickte der Drachenpapa mir einige Fotos von den beiden, erzählte, wie gut der Tag gelaufen war und dass meine Tochter weiterhin von mir redete.
Ich lag schon im Bett, schwelgte in Erinnerungen, bemitleidete mich selbst und heulte mir die Augen aus dem Kopf.
Gerade hatte ich mal wieder ein Tief. Ein sehr tiefes Tief. Ich schluchzte vor mich hin, hatte Herzschmerz vor Heimweh und wusste in diesem Moment nicht, wie ich die Zeit im Krankenhaus überleben sollte. Getrennt von meiner großen Tochter und meinem Mann. Wartend auf meine kleine Tochter. Ohne die Sicherheit, dass es noch vierzehn Tage waren, die wir auf unser Baby warten mussten. Vielleicht waren es nur fünf. Oder zwei.
Ohne die Gewissheit, dass alles gut gehen würde. Bei der Herzoperation und danach. Es musste gut gehen. Genauso konnte es schief gehen. Es war ein kleines Baby und ein noch kleineres Herz.
Wieso musste unser Kind, unsere Familie dadurch?
Ich wusste nicht, ob meine große Tochter so standhaft und tapfer, so mutig und lieb bleiben würde. Was, wenn es irgendwann zuviel werden würde, weil sie es nicht verstand?
Irgendwann hatte ich ausgeweint. Ich war verheult, hatte Kopfschmerzen und gefühlt jeden Mut verloren.
Doch mein Mann machte mir Hoffnung. Er baute mich auf, er sprach mit mir und gab mir ein kleines bisschen seiner Kraft wieder, die ich an ihm so bewunderte.
Danach ging es mir besser…
Ich war müde und platt. Vor uns lagen noch soviele harte Tage. Aber ich war genau hier, wo ich gerade sein musste- ob es mir gefiel oder nicht. Hier im Krankenhaus, mit dem Baby in meinem Bauch war ich am besten aufgehoben und sicher. Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn ich woanders wäre und meine ungeborene Tochter gefährden würde.
Das Krankenhaus ist gerade unsere Zwischenstation. Und meine Familie ist stark. Wir kommen nach Hause… Bald.

 

2 Kommentare

  • Nina

    Hey du Drachenmama.
    Unsere große ist jetzt 3 3/4 und der Zwerg 12 Monate. Emma und Henri sind ein Herz und eine Seele, auch wenn es manchmal kracht. Deine Tochter wird das schon schaukeln und es wird alles leichter. Emma hilft mir so oft und jetzt ist sie ganz stolz das er ihre Hand nimmt um zu laufen.
    Die Zeit im KH bekommst du auch rum. Kopf hoch und ab und zu mal heulen.
    Fühl dich gedrückt
    Nina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.