Schwangerschaft & Geburt

„Was wäre, wenn…“- Plötzliche Entscheidung

Mein letzter Beitrag liegt schon wieder eine Weile zurück. Ich habe ja angemerkt, dass das Bloggen für mich nun im Hintergrund steht und ich mich stattdessen auf meine Familie konzentriere. Und ich stelle wieder fest, dass dies genau der richtige Weg für mich ist.
Ich hänge weniger am Handy, mache mir kaum Gedanken, ob ich nun 200 oder 200.000 Abonnenten habe und erlebe jeden Augenblick intensiver.
Trotzdem schreibe ich gern. Schreiben ist für mich mehr als ein Hobby. Ich liebe es abgöttisch. Meine Gedanken, Erfahrungen oder Ideen zu verschriftlichen stellt mich zufrieden, entspannt mich oder hilft mir, manche Geschehnisse zu verarbeiten. Schreiben ist meine Therapie.
Deshalb ist nun auch der richtige Zeitpunkt für diesen neuen Beitrag.

Hinter uns liegt eine der härtesten Wochen, die wir seit langem erlebt haben. Eine Woche voller Ängste, Sorgen und einem Wechselbad der Gefühle.
Ich bin mittlerweile in der 23. Schwangerschaftswoche. Unser Baby ist aktiv, tritt mich in alle Winkel meines Bauches und lässt täglich von sich hören.
Wir haben einen Namen für unser kleines Mädchen gefunden und auch das Trotzkopfkind weiß, dass sie eine große Schwester wird.
Ob sie es versteht ist eine andere Sache. Ich denke nicht, dass sie realisiert hat, dass im Oktober wirklich ein Baby auf der Welt sein wird, aber das ist auch egal.
Schon jetzt war ich fleißig einkaufen, neue Bettwäsche, ein paar einzelne Möbel und, und, und. Ich habe die Kleidung meines Trotzkopfkindes durchgeschaut, sortiert und aufgeräumt. Kurz: Es ist alles für das Baby vorbereitet.

Letzte Woche stand ein Termin bei meiner Frauenärztin an. Es war alles in Ordnung. Das Baby war zeitgerecht entwickelt, groß genug und genauso schwer, wie es sein sollte. Es lag quer im Bauch, strampelte solange, bis ich untersucht wurde und bewegte sich dann gar nicht mehr. Wie immer eben.
Da ich bekanntermaßen ja eine fehlgebildete Gebärmutter habe, schickte meine Ärztin mich wieder zum Organultraschall. Dort war ich auch, als ich mit dem Trotzkopfkind schwanger war, ich kenne und schätze den Arzt sehr.
Am Tag des Termins, also diese Woche, war ich sehr aufgeregt. Ich war mir sicher, dass alles okay war, doch trotzdem macht man sich ja Sorgen.
Im Untersuchungsraum begann dann das Babykino. Plötzlich sieht man sein Kind auf einer riesigen Leinwand, jedes Organ wird geschallt und kontrolliert. Es ist eine faszinierende Erfahrung.
Schön zu hören, am Kind war alles dran. Genug Zehen und Finger, die Wirbelsäule war gut und der Rücken geschlossen. Kopf- und Bauchumfang stimmte auch.
Dann schallte der Arzt die inneren Organe.
Das erste, was ihm auffiel, war die Tatsache, dass unser Baby ein Loch im Herzen hatte. Es war klein, aber vorhanden.
Ich musste schlucke. Mir war bewusst, dass das nicht unfassbar dramatisch war, das Trotzkopfkind hatte dieselbe Auffälligkeit und noch innerhalb der Schwangerschaft war das Loch zugewachsen.
Mir gefiel das natürlich trotzdem nicht.
Als nächstes verharrte der Arzt an der Aorta… Er schob und drückte das Ultraschallgerät quer über den Bauch, um den besten Winkel zu erwischen und schaute sich alles genau an.
Der Aortenbogen sei sehr schmal, erwähnte er dann. Nicht extrem, aber doch schmaler als normal. Es wäre eine Idee, daher über eine Fruchtwasseruntersuchung nachzudenken.
Tja… jetzt brach mir der Schweiß aus. Aber richtig. Ich verbinde mit dem Begriff Fruchtwasseruntersuchung nur eines: Ist mein Kind behindert oder nicht?
Natürlich gibt es dazu weitaus mehr, was zu beachten ist. Doch wir haben diese Untersuchung bewusst nicht gemacht. Einerseits war ich der Meinung, dass das in meinem Alter nicht von Nöten sei. Anderseits bedeutet die Tatsache, eine solche Untersuchung zu machen, dass man sich über eine Konsequenz nach Erhalt des Ergebnisses klar sein muss. Oder werden sollte.
Wir hatten schon mal darüber gesprochen und wir wären uns nicht im Klaren, welche Entscheidung wir treffen würden. Deshalb machte der Test für uns erstmal keinen Sinn.
Als der Arzt mir nun mitteilte, dass diese Untersuchung sinnvoll wäre, wurde ich blass. Ich fragte ihn, was er empfehlen würde. Vier Wochen, bis zum nächsten Termin warten und hoffen, dass sich die Auffälligkeiten verwachsen hätten oder lieber gleich den Test machen?
„Naja, wenn man ihn macht, muss man sich über Konsequenzen bewusst werden“, meinte er.
Er sagte mir, dass wir in Ruhe darüber sprechen sollten, mein Mann und ich. Ich könnte ihn jederzeit anrufen. Außerdem wäre die Untersuchung für ihn eher eine Beruhigung, versuchte er mich zu besänftigen.
Ich nickte nur geistesabwesend, als ich die Praxis verließ.
Vor der Tür atmete ich tief durch. Dann schrieb ich drei Personen. Meiner Freundin, meiner Mutter und meinem Mann.

Die nächsten Stunden verbrachte ich wie in Trance. Meine Mutter wollte natürlich genau Infos, ich schickte ihr ein Bild des Arztbriefes und sie leitete sie an verschiedene ärztliche Kollegen mit unterschiedlichen Spezialgebieten weiter.
Meine Mama beruhigte mich später etwas. Diese Untersuchung musste nichts heißen. Die anderen Werte waren ja gut.
Das Loch hatte sich beim Trotzkopfkind verwachsen… Die Aorta war etwas, mit dem manche Menschen problemlos lebten. Auch ihre Kollegen waren, anhand des Briefes, der Meinung, dass ich erstmal ruhig bleiben sollte.
Tja, das war leicht gesagt.
Es musste alles gar nicht so dramatisch sein. Doch bisher wusste das niemand.

Der Drachenpapa, mein Mann, war genauso neben der Spur wie ich. Er versuchte sich seine Anspannung nicht anmerken zu lassen und klar zu denken.

Doch innerhalb dieser Stunden drehte sich unser Leben auf einmal um 180 Grad. Waren wir bisher in der Situation gewesen, nicht über ein „Was wäre, wenn…“ nachdenken zu müssen, steckten wir nun drin.
Es ist einfach, eine Entscheidung zu treffen, wenn es um die reine Theorie geht. Und genauso leicht ist es dann, jemanden für eine Entscheidung zu verurteilen.
Nie hätten wir gedacht, dass wir darüber nachdenken müssten, ob wir uns ein Leben mit einem behinderten Kind vorstellen könnten. Unabhängig vom Grad der Behinderung würde das Veränderung bedeuten. Man denkt immer „Mich trifft es schon nicht“ und ist erleichtert, wenn andere Menschen die Probleme haben, mit denen man nicht konfrontiert werden möchte.

Doch plötzlich ist man selbst der Andere.

Vor diesem Moment hatten wir immer gesagt, wir wollten kein behindertes Kind haben. Wir hatten Angst vor unserem Leben, dass sich dann definitiv hauptsächlich um das erkrankte Kind drehen würde. Krankenhausaufenthalte, Untersuchungen, Therapien usw. Natürlich könnte das alles in geringem Ausmaß nötig sein- es könnte aber auch nicht.
Unser Trotzkopfkind würde zurückstecken müssen. Das war klar. Immer wieder würde es heißen: Du, jetzt nicht. Wir müssen zum Arzt.- Du musst wieder zu Oma und Opa, wir müssen ins Krankenhaus.
Unser ganzes restliches Leben würde sich um unser krankes Kind drehen- niemand wüsste, ob dieses Kind jemals selbstständig werden oder ob wir unser Leben vollständig zurück stecken und das Leben des Kindes organisieren würden.

Verurteilt mich nicht für diese Gedanken.
Ich weiß, dass all´ das egoistisch und übertrieben klingt, für manche vielleicht.
Aber wenn man in die Situation kommt, darüber nachdenken zu müssen, dann rechnet man mit dem Schlimmsten.
Und es hilft nicht, wenn dir dann jemand sagt: vielleicht ist es gar keine schwere Behinderung; mit manchen Krankheiten kann man ja leben.

Denn WER weiß, wie schwer die Behinderung wirklich ist? Was ist, wenn das Herz und die Lunge unser Kind mit einschränken, zu vielen Operationen und noch viel mehr Schmerzen zwingen? Ist es wirklich das, was wir für unser Kind wollen? Und für uns?

All´ diese Gedanken gingen mir durch den Kopf. Mein Mann und ich sprachen über alle Möglichkeiten, Gefahren und Chancen, die wir vor Augen hatten. Ich weinte manchmal, dazwischen war ich nüchtern und fast kühl.
Gleichzeitig wurde ich schon jetzt von Schuldgefühlen zerfressen. Wenn wir uns gegen dieses Kind entschieden, würde die Schwangerschaft beendet werden. Das bedeutete: Ich würde mein Kind töten. Bewusst.
Doch nach weiteren Überlegungen und Gesprächen, auch mit meiner Freundin, wurde uns klar, dass es in dieser Situation kein Richtig oder Falsch gibt. Es ist keine ethische oder rechtliche Frage, um die es geht.
Es geht alleine um uns.
Nur wir konnten und mussten diese Entscheidung treffen. WIR würden mit diesem Kind leben müssen. Tagtäglich, Stunde um Stunde, ein Leben lang.  Konnten wir das?

Wir hatten schlussendlich eine Entscheidung getroffen. Sollte die Fruchtwasseruntersuchung positiv ausfallen, bekämen wir die Nachricht, dass unser Kind krank wäre- dann würden wir uns dagegen entscheiden.

Die nächsten zwei Tage waren der Horror. Ich ließ den Test über mich ergehen, meine Schwester begleitete mich. Ich war aufgeregt, meine Nerven waren blank.
Doch ich musste weitere 24 Stunden auf das Ergebnis warten. Mein Trotzkopfkind half mir, den Tag zu überstehen. Sie kuschelte mich, spielte und verlangte viel Aufmerksamkeit. Ich war dankbar dafür.

Der folgende Tag kroch elendig langsam an mir vorbei. Ich beschäftigte mich, versuchte mich abzulenken und… ja, hart, aber es half mir: Ich stellte mich auf das Schlimmste ein. Mein Kind spürte scheinbar, dass es mir nicht gut ging. Sie trat und strampelte, was das Zeug hielt.
Das machte mich am meisten fertig. Ich wollte das nicht. Am liebsten hätte ich das Baby nicht mehr gespürt, bis ich das Ergebnis hätte. Es machte doch alles nur schwerer.
Ich versuchte, die Bewegungen bestmöglich zu ignorieren und mich schon mal darauf einzustellen, dass ich mich verabschieden musste.
Gleichzeitig wollte ich positiv denken. Ich wollte es wirklich. Aber es war so schwer.

Vormittags kam meine Schwester vorbei und wartete mit mir auf den wichtigsten Anruf.
Und endlich… endlich klingelte das Telefon.
Die Ergebnisse waren unauffällig, teilte mein Arzt mir mit. Man müsste natürlich auf die Endergebnisse warten, doch bisher war alles gut.

Vor Erleichterung zitterte ich am ganzen Körper. Alles war gut, unser Baby war gesund.
Ich konnte es kaum glauben.
Mir schossen die Tränen in Augen, ich entschuldigte mich bei meinem Baby und streichelte über meinen Bauch.
Sie verzieh mir. Da bin ich sicher.

Ich bin dankbar, dass uns die Entscheidung abgenommen wurde. Im Oktober würden wir unser gesundes Baby in den Armen halten.

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