Entwicklung

Der tut nix, der will nur spielen.

Kennt ihr das Gefühl, jemanden auf Anhieb unsympathisch zu finden? Abneigung auf den ersten Blick sozusagen. Mir passiert das öfter mal. Ich treffe neue Menschen und denke: Ähm ne. Eher nicht.
Dabei spielt der äußerliche Eindruck wirklich überhaupt keine Rolle. Klar, das Äußere ist das erste was wir bei einem Menschen sehen. Und wir denken natürlich solche Dinge wie: Boa, die Hose geht ja gar nicht bei der. Geile Schuhe, will ich auch, stehen mir besser.
Von diesen Gedanken können wir uns ja nicht frei machen. Wir sehen jemanden und stecken ihn direkt in eine Schublade. Manchmal ändert sich unser erster Eindruck. Wir reden mit der Person und merken, dass die eigentlich doch ganz nett ist. Doch es gibt auch Situationen, in denen wir ziemlich schnell merken: Das passt nicht. NULL. Das hat auch nicht unbedingt was mit Nettigkeit oder Höflichkeit zu tun. Man kann noch so freundlich zueinander sein, es ist trotzdem ein Hindernis, wenn der Draht zueinander fehlt.
Tatsächlich ist es dadurch nicht einfach dem Gespräch zu folgen. Meine Bemerkungen beschränken sich dann solange auf „Mhm“, „Ah…“, „Jaa, das kann sein“, bis mein Gegenüber aufgibt.
Geht es um die Kinder und das leidliche Thema der Erziehung, so wird das ganze nochmal schwieriger. Viel schwieriger.
Ein Beispiel.
Das Trotzkopfkind und ich gehen derzeit einmal wöchentlich zum Kinderturnen. Ich hatte ja schon erwähnt, dass sie motorisch nicht so fit ist und noch nicht vollständig und sicher läuft. Das Kinderturnen sollte für sie eine schöne Möglichkeit, sich körperlich auszulasten, auszuprobieren und gleichzeitig neue Kontakte zu knüpfen. Wir stecken ja mitten im Umzug, doch dazu später mehr.
Derzeit sind es ungefähr sechs Kinder beim Turnen, die meisten etwas jünger als das Trotzkopfkind und fast alle laufen. Jaja, nicht vergleichen und so. Man tut es trotzdem.
Die Turnlehrerin baut jedes Mal ein paar tolle Geräte auf, sodass die Kleinen klettern, krabbeln, springen und balancieren können.
Dass das Trotzkopfkind keine Scheu hat, andere Kinder kennen zu lernen war mir von vorne herein klar. Tatsächlich war sie anfangs aber etwas schüchtern, ganz gegen ihre Art, doch das legte sich sehr schnell. Schon beim zweiten Mal flitzte sie mit herum und ging auf alle zu.
Tja… und dann gibt es dieses Kind. Ein hübscher, kleiner Junge mit einem ebenso hübschen Namen.
Als ich das erste Mal den Turnraum betrat war ich tatsächlich ein wenig aufgeregt. Ich finde es immer komisch in eine Gruppe zu kommen, in der sich die Leute schon alle kennen.
Die Mutter mit besagtem Jungen war genauso freundlich zu mir wie alle anderen. Sie stellte sich vor (ich habe keine Ahnung, wie sie heißt) und ihren Sohn auch.
Es dauerte keine fünf Sekunden, da kam er auf das Trotzkopfkind zu und gab ihr einen ordentlichen Schubs, sodass sie nach hinten umfiel. Mein kleines Mädchen ist glücklicherweise hart im Nehmen und war eher verdutzt als verletzt. Rappzapp richtete sie sich wieder auf.
Die Mutter des Jungen beschränkte sich auf ein kurzes: Das darfst du nicht.
Okay, das war für mich in diesem Augenblick noch in Ordnung. Es ist ja nicht so, dass meine Tochter nie zanken würde.
Leider war das nicht das Ende vom Lied. Scheinbar wurde der Junge vom Trotzkopfkind magisch angezogen, denn er konnte nicht anders, als ihr ständig hinter her zu watscheln. Erste Liebe? Hurra…..
Nur ein paar Minuten später kam der nächste Angriff. Die Tochter stand gerade auf einem Kasten und hatte vor, auf die andere Seite zu klettern. ZACK! war der kleine Teufel wieder vor Ort und schlug ihr auf den Kopf!
Ich war in dem Moment zwar in der Nähe meines Kindes, jedoch nicht schnell genug bei ihr, um sie zu retten. Stattdessen brüllte ich ein „HEY!“ heraus, der Junge bekam wenigstens einen ordentlichen Schreck und blieb wie angewurzelt stehen. Sowohl er als auch die anderen Mütter schauten leicht zu mir hinüber. Und tatsächlich kam die Mutter des Jungen auf ihn zu.
Na also, jetzt greift sie durch, dachte ich. Sie schnappte ihren Sohn, rief: „Verdammte Scheiße! Lass´ das jetzt!“, dann ließ sie ihn los und säuselte: „Los, geh´ spielen, mein Schatz.“
Ähm… ja… JETZT hat er es sicher geschnallt (Vorsicht Ironie!).
Versteht mich nicht falsch. Ich erwarte natürlich nicht, dass sie sich ihren Sohn schnappt, ihn versohlt und in eine Ecke mit dem Gesicht zur Wand stellt! Aber ich bin doch eher der Typ, der sich, wäre ich in ihrer Situation gewesen, das Trotzkopfkind geschnappt und mal ein paar Takte mit ihr geredet hätte! Natürlich, sie ist erst knapp zwei, aber entgegen vieler Meinungen bin ich hundertprozentig sicher, dass sie alles versteht. Sie weiß genau, dass sie nicht schlagen oder beißen soll. Dass sie ihre Grenzen testet gehört auch dazu. Aber ich erkläre ihr schon mit etwas Nachdruck, was in Ordnung ist und was nicht. Und beim fünften schlagen/beißen/schubsen säße sie auch mal fünf Minuten bei mir und würde eine kurze Pause einlegen.
Tatsächlich ist es bisher bei uns noch nicht so weit gekommen. Sie ist definitiv oft sehr grob, aber bisher ist das alles im Rahmen.
Zurück zu unserem kleinen Freund… Den interessierte es natürlich null, dass die Mama ein wenig geschimpft hatte. Es war kaum zu glauben, doch er sprang konsequent auf das Trotzkopfkind drauf. Volles Programm. Meine Tochter begann ziemlich schnell, ihn anzubrüllen und irgendwann schrie sie schon, wenn er in ihre Nähe kam. Sie ist durchaus in der Lage ihren Unmut zu äußern und da mische ich mich auch nicht ein, solange sie nicht handgreiflich wird.
Doch, verurteilt mich ruhig, wenn da jemand ist, der konsequent auf sie drauf haut und sich null kümmert, ob man sich verbal wehrt, finde ich es auch nicht dramatisch, wenn meine Tochter schlussendlich einmal zurück schlägt.
Die Mutter des Jungen rannte ihm im Zickzack quer durch die Halle hinterher, ermahnte ihn, ließ ihn los und das Spiel begann von vorn.
Mir wurde es schnell zu bunt, ich hielt mich nah genug beim Trotzkopfkind auf, um den Jungen rechtzeitig abzuhalten. Tat ich auch ein paar Mal.
Ich glaube, die restlichen Mütter waren laufend irritiert, dass ich eingriff- immerhin ging es hier nicht um MEINEN Sohn. Aber ganz ehrlich… irgendwann reicht es auch. Und wenn es darum geht, dass meinem Kind durchgehend weh getan wird, beschütze ich sie. Ganz einfach. Völlig egal vor wem.

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