(Fremd-) Betreuung

Herzschmerz

Mittlerweile ist das Trotzkopfkind 20 Monate, das heißt, etwas über anderthalb Jahre alt. Bisher hat sie weder bei Oma und Opa geschlafen, noch waren sie und ich mal eine Nacht aus anderen Gründen getrennt. Ich fühlte mich einfach besser damit, sie gerade nachts bei mir zu haben. Ich bin nicht so weit, sie abzugeben und mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass jemand anderes sie betreut, wenn sie nachts nach Mama oder Papa weint. Im Prinzip ist der Gedanke albern, denn wenn die Babysitterin da ist, geht sie zum Trotzkopfkind hin. Trotzdem… es ist etwas anderes.
Doch diese Woche gab es eine Veränderung bei uns. Ich war schon länger auf Abruf für meine Freundin (nennen wir sie J.), die sehr sehr schwanger war. Und da es, bis auf ihren Mann, der bei der Geburt aber natürlich dabei sein wollte, keine Verwandten in unmittelbarer Nähe gibt, habe unter anderem ich mich dazu bereit erklärt, ihre zwei großen Jungs zu hüten, wenn Baby 3 sich ankündigt. Man muss dazu sagen: J. ist meine Seelenverwandte. Sie gehört zu meinen engsten Freunden. Ich würde das nicht für jeden machen. Aber bei ihr stand es für mich außer Frage, sofort alles stehen und liegen zu lassen.
Es gab den einen oder anderen Fehlalarm, vor allem abends, sodass ich losfuhr und mich schon darauf einstellte, mein Kind erst ein bis zwei Tage später wieder zu sehen. Doch jedes Mal war ich nach ein paar Stunden zurück. Ich empfand die Zeit des Wartens als anstrengend und aufregend. Anstrengend, weil ich ständig unter Strom stand, mein Handy keine Sekunde aus den Augen ließ, konsequent kontrollierte, ob das Festnetz funktionierte und mit dem Drachenpapa täglich neu organisierte, was mit dem Trotzkopfkind wäre, wenn ich weg musste. Doch es war auch aufregend- ich fühlte mich ein wenig wie der zweite Elternpart, der auf die Geburt SEINES Kindes wartete.
Mitten in der Woche, als ich gerade im Büro saß und meinen recht vollen Tag durchplante kam wieder ein Alarm.
Und diesmal klang es ernst. J. spürte, dass es los gehen würde. Also schmiss ich meine Sachen zusammen, sagte alle Termine ab und entschuldigte mich bei meiner (wirklich großartigen, toleranten (DANKE Dafür!!)) Chefin.
Möglicherweise war ich leicht hektisch dabei. Im Endeffekt konnte ich noch zwei weitere Termine erledigen, bis ich endlich zu meiner Freundin fuhr.
Ich hatte das Trotzkopfkind morgens abgegeben und damit gerechnet, sie nachmittags bei der Tagesmutter wieder abzuholen- davon machte ich mich nun erstmal frei. Wer weiß, wann ich zurück wäre… Bei dem Gedanken, mein Kind nicht abholen oder später ins Bett bringen zu können, musste ich schlucken. Ich vermisste sie jetzt schon!
Bei J. angekommen gab es erstmal ein großzügiges Mittagessen. Immerhin braucht man Kraft zum Gebären. Sie hatte schon Schmerzen und außerdem so ein Gefühl- Mütter wissen, dass man seinem Gefühl meistens glauben kann.
Nach der Stärkung fuhren meine Freundin und ihr Mann los ins Krankenhaus. Nun war ich allein mit ihren Kindern. Der kleine war in Trotzkopfkinds Alter, der große Bruder ging schon in die Schule.
Da es schon Nachmittag war, flog der Tag an uns vorüber. Wir gingen spazieren, zum Spielplatz, dann machten wir es uns zuhause gemütlich und vertrieben uns die Stunden bis zum Abend.
Gegen sechs rief J.s Mann mich an. Das CTG war geschafft, doch ihnen wurde angeraten, nach Hause zu gehen. Ein Zimmer war sowieso nicht frei und warten konnte man auch daheim. Also machten sie sich auf den Rückweg. Der große Bruder war ziemlich enttäuscht, dass das Baby noch nicht geboren war.
Wir verbrachten den Abend schließlich gemeinsam. Die Kinder wurden ins Bett gebracht, J. ruhte sich auf der Couch aus und eine ungeduldige, nervöse Stimmung machte sich breit. Meine Freundin war enttäuscht, dass es noch nicht los ging und ich… ich merkte gerade, wie sich ein Stein auf mein Herz legte. Gerade jetzt am Abend vermisste ich meine Tochter so sehr, dass ich schlucken musste. Ich hatte sie erst ein paar Stunden nicht gesehen, doch es fühlte sich an, als wären es Tage. Nun die Nacht ohne sie in meiner Nähe zu verbringen machte mich traurig.
Ich wusste ja, dass sie in guten Händen war. Der Papa war da, sie liebte in abgöttisch und genoss es sicherlich ihn mal ganz für sich zu haben. Vermutlich vermisste ich sie mehr als anders herum.
J. hatte mich gebeteten, trotz erneutem Fehlalarm zu bleiben- falls es losgehen sollte, wäre ich direkt da. Und das war für mich selbstverständlich! Also blieb ich.
Ich begab mich in das hergerichtete Bett des großen Sohns, der es extra für mich frei machte und versuchte zu schlafen. Doch ob es der Rhythmus meines Kindes oder das Gefühl der Sehnsucht war; ich konnte kaum schlafen. Immer wieder wachte ich auf.
Nachts um vier kam J.s Mann zu mir, um mich zu wecken. J. hatte Wehen… jetzt ging es scheinbar richtig los. Ich stellte das Babyphone des kleinen Sohns neben mich und meine Freundin fuhr mit ihrem Mann ins Krankenhaus.
Ein paar Stunden später wurde ich durch das Babyphone geweckt. Ich zog mich an, um den Kleinen aus seinem Bett zu holen, doch das hatte sein großer Bruder schon getan. War vermutlich auch gut so.
Er wusste, dass seine Eltern im Krankenhaus war und war unglaublich aufgeregt.
Ich nicht weniger. Doch ich dachte wieder an meine Tochter und schrieb dem Drachenpapa eine Nachricht. Zurück kam ein Foto meines Trotzkopfkindes. Oh man, wie sie mir fehlte! Noch nie war ich so lange weg gewesen. Die beiden frühstückten nun- ohne mich. Zähne putzen- ohne mich. Kuscheln, spielen, anziehen… Ohne Mama.
Nicht mehr lang, beruhigte ich mich. Das hier hat Priorität.
Also konzentrierte ich mich wieder auf die Jungs.
Wir frühstückten gemeinsam, der Große saß am Handy und hoffte auf Neuigkeiten und konnte kaum ruhig bleiben. Ich verstand ihn absolut. Er war schon jetzt so stolz.
Wir nutzten die Zeit des Wartens damit, das Wohnzimmer zu schmücken und zu basteln. Ballons, Pompons, eine Karte und ein Geschenk für das Baby dekorierten wir, wohin man nur schaute.
Und endlich kam die Nachricht: Das Baby war da! Gesund und munter- der Große platzte vor Freude und hüpfte aufgeregt durch das Haus!
Ich freute mich auch, gleich mehrfach! Weil J. zum dritten Mal Mutter geworden war, weil ihre Älteren sich so freuten! Weil die Unruhe, der Stress und die Ungeduld ein Ende hatten- und weil das hieß, dass ich bald wieder beim Trotzkopfkind sein würde!
Ich weiß, es klingt so egoistisch und überzogen leidend… Aber es war ein komisches Gefühl, so lange von meinem kleinen Mädchen getrennt zu sein.
Da man nicht erwarten konnte, dass Eltern und Kind von einer Sekunde auf die andere putzmunter auf der Matte stehen würden blieb ich natürlich weiterhin bei den Jungs. Ich war auf einmal tiefenentspannt und ich wollte nicht, dass sich J. und ihr Mann in irgendeiner Weise wegen der Betreuung ihrer Kinder stressen mussten.
Doch dann rief der Papa an und erklärte, dass die frische Mama mit Baby noch eine Nacht im Krankenhaus bleiben würde.
Ehrlich gesagt begann ich wieder zu schwitzen… Das würde bedeuten, dass ich noch eine Nacht ohne meine liebste Tochter verbringen müsste… Wer sollte sie betreuen? Ich musste alles erneut organisieren.
Aber bevor ich mir wieder Gedanken machen konnte wurde ich schon beruhigt. J.s Mann würde mit den Jungs zuhause bleiben und die Mama morgen früh abholen.
Also packte ich mit den Großen alle Sachen zusammen und wir fuhren gemeinsam ins Krankenhaus. Sie freuten sich so sehr… Ich gab die glücklichen Jungs bei ihrem kleinen, frischgebackenen Bruder ab. Oh man, er war so süß! Ein wunderschönes, kleines Baby!
Und so verabschiedete ich mich von dieser tollen, nun noch größeren Familie… und fuhr zu meiner eigenen. Zu meinem Mann und meinem wunderschönen, kleinen Mädchen. Nach Hause.

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