Eltern, Menschen, Leben

Hallo Fremder- Das Problem mit der Offenheit

Dass das Trotzkopfkind sehr offen sein würde, haben wir uns schon früher fast gedacht. Ich selbst war nicht anders. Als Kind lächelte ich jeden x- beliebigen Menschen an, winkte den Straßenkehrern, reagierte auf das „dududu“ älterer Menschen und wäre mit jedem mitgegangen, der eine Pflegehilfe für sein Kaninchen gebraucht hätte. Klingt bitter, doch glücklicherweise war meiner Mutter dieses Problem bewusst, so dass sie mich weder allein vor der Haustür selbst gesammelte Blumen verkaufen, noch mich irgendwo eine Sekunde aus den Augen ließ.
Ich bin auch heute noch so- natürlich würde ich nicht mehr mit Fremden mitgehen, aber ich habe keinerlei Probleme Kontakte zu knüpfen und auf andere zu zu gehen. Schüchtern? Kein bisschen.
Und nun haben wir unser Trotzkopfkind. Das kleine Mädchen, dass äußerlich genau aussieht, wie ich damals und charakterlich eine, meist sehr witzige Mischung zwischen mir und dem Drachenpapa geworden ist.
Wenn wir einkaufen gehen werden die meisten Menschen magisch von ihren Augen angezogen, denn sie hat Wimpern, die länger sind als meine (die geschminkte Version!). Es gibt kaum jemanden, der an ihr vorbei gehen kann, ohne ein kleines Entzücken auszudrücken oder ihr WENIGSTENS die Hand zu tätscheln- oder sogar die Wange.
Ehrlich- ich hasse das. Ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn fremde Menschen mein Kind anfassen. Die sind genauso wie die Leute, die Schwangeren ihre Hand ungefragt auf den Bauch legen und sagen: „Oh, darf ich mal anfassen?“ – NEIN?! Eigentlich nicht?? Ich tatsche ja auch nicht Ihre Brüste an, weil sie so schön prall sind! … Denke ich dann- sage ich aber meistens nicht.
Obwohl ich nicht schüchtern bin, fällt es mir total schwer schlagfertig zu sein. Ich bin da anders, als beispielsweise meine Schwestern, denn anstatt die Leute anzubrüllen, murmele ich eher ein: „Ne, die hat Magendarm.“, und laufe dann schnell weiter. Manchmal hilft das. Nicht immer. Ich habe mir schon zehn Mal geschworen, die Schlagfertigkeits- Seminare von Nicole Staudinger zu besuchen! Recherchiert mal über sie, die Frau ist klasse! Glücklicherweise ist das letzte Mal Antatschen schon eine Weile her. Beim nächsten Mal bin ich vorbereitet.
Ich finde diese Handlungen von Fremden schon übergriffig. Natürlich ist es nett gemeint, aber ich würde niemals auf die Idee kommen, einem unbekannten Kind über den Kopf zu streicheln oder gar ins Gesicht zu fassen.
Meine Tochter denkt mit ihren anderthalb Jahren logischerweise noch nicht so weit wie ich. Ganz früher war es noch witzig, sie zeigte direkt, wie freundlich sie ist (sein kann) und lächelte ihrem Gegenüber oder eigentlich allem um sie herum zu. Dazu kam ein Queen- ähnliches Winken oder sogar ein Handkuss und Zack! waren alle Fremden in ihren Augen nett und bekannt.
Wie soll man einem kleinen Mädchen in dem Alter aber denn klar machen, dass eine gewisse Distanz zu Fremden wichtig ist?
In der Familie haben wir ganz klare Regeln. Sie darf küssen. Auf den Mund, auf die Wange und so weiter. Sie darf Omas, Opas, Tanten, Onkels und natürlich uns küssen. Je nach Person auch enge Freunde und umgekehrt ist es genauso. Damit hat sich´s dann aber auch.
Menschen, die sie nicht kennen oder die „nur“ Bekannte sind darf sie nicht küssen und ich möchte das von deren Seite auch nicht, vor allem ohne Rückversicherung.
Ich bin ziemlich sicher, dass das Trotzkopfkind unterscheiden kann, wer zu ihrer Familie und Freunden gehört und wer nicht. Eigentlich.
Das Problem liegt darin, dass wir ihr beigebracht haben Luftküsse zu verteilen. Wir fanden das total süß, übten das hier und da und dort und plötzlich machte sie es immer, genauso wie sie in alle Richtungen ihre Hände ausstreckte, wenn jemand sie anquatschte. Und dann war es plötzlich völlig egal, ob sie die Person kannte oder nicht.
Ihr Verhalten zeigte sich auch in einer neuen Umgebung. Die meisten Kinder sind schüchtern und anhänglich, zum Beispiel wenn sie das erste Mal die Kindertagesstätte betreten oder in eine Gruppe von fremden Kindern dazu kommen. Das Trotzkopfkind nicht.
Schon bei der Tagesmutter lief es wie geschmiert. Wir kamen zum Kennenlernen, die Trotzprinzessin lächelte, winkte und schon krabbelte sie los, um zu Spielen. Nervosität, dass die Mama weg sein würde? Fehlanzeige.
Und so langsam macht gerade das mir Sorgen. Ich finde es gut, dass mein Kind kein schüchternes, stilles, in sich gekehrtes Mädchen ist. Ich bin echt froh, dass sie extrovertiert, temperamentvoll und offen ist.
Aber ich habe Angst, dass sie die Distanz zu Fremden nicht wahren kann. Doch unsere Aufgabe besteht ja darin, sie zu einem starken, eigenständigen Menschen zu erziehen und ihr Werte und Normen zu lehren (Da spricht die Erzieherin). Deshalb liegt es auch an uns, sie darin zu unterstützen Vertrauen zu anderen aufzubauen und gleichzeitig unterscheiden zu können, wer Nähe und wer Distanz verdient hat. Das ist ein Prozess, der nicht von einen auf den anderen Tag abgeschlossen ist, sondern sich stetig weiter entwickelt. Doch wir bleiben dran.
Sobald sie etwas älter ist werden wir ihr auch einiges zum Thema „Von Fremden ansprechen/ anfassen lassen“ und „Mit Fremden mitgehen“ erklären.
Vielleicht versteht sie es nicht von Anfang an. Aber ich will alles dafür getan haben, dass sie sich und ihre Umwelt einschätzen kann und dazu gehört nun mal auch, dass nicht alles Friede- Freude- Eierkuchen ist.
Im Moment haben wir übrigens eine neue Phase erreicht. Das Trotzkopfkind ist noch immer freundlich und offen, lächelt viel und wirft ihren Mitmenschen mittlerweile oftmals irgendwelche Worte entgegen (Der Dauerbrenner: „Bitte, bitte!“). Doch neuerdings beginnt sie zu differenzieren.
Wenn sie nun von irgendeiner Fremden Person angequatscht wird, kommt es nicht selten vor, dass sie weg schaut oder sich zurück zieht.
Und darauf bin ich echt stolz. Sie macht das schon, mein kleines Mädchen!

3 Kommentare

  • Lara Tefehne

    Wirklich toll geschrieben! Mit welchen Themen man sich als Eltern allen außernandersetzen muss versteht man wohl erst wenn man ein eigenes Kind hat, denke ich! Klar sind mir viele Themen durch die Praxis bekannt (Erzieherin), dort muss individuell auf jedes Kind eingegangen und geschaut werden welche Methode, Erklärung oder Handlung am besten zum Kind passt/ es versteht und umsetzen kann, aber die unendliche Liebe die man „wahrscheinlich“ zu seinem eigenen Kind hat macht es da etwas komplizierte als die Praxis und die Theorie oder? Dazu kommt dann auch noch Zeitdruck, Alltags stress und in welchem stabilen oder labilen Zustand man sich grade befindet. Da wird man manchmal auch einfach seinem Erziehungswissen aus dem weg gehen und für Harmonie sorgen? Wirklich super wie viel Gedanken du dir als Mutter machst, du bist eine tolle Drachenmama, mach weiter so! Ich werde mir mal deine anderen blogs durchlesen, dann bin ich bestimmt ein bisschen vorbereitet wenn ich irgendwann ein Kind bekomme (wahrscheinlich wird sich dann herausstellen das man wenn es soweit ist gar nicht vorbereitet ist). Aber deine Meinung dazu würde mir aufjedenfall weiter helfen!

    Liebe Grüße,

    Lara

  • Alena

    Wow, selten hat mich ein Blogeintrag so kalt erwischt. Denn genau diese Sorge teile ich ganz aktuell. Meine 15 Monate alte Tochter ist ein absoluter Sonnenschein. Fröhlich, aufgeweckt, neugierig und mutig – alles Eigenschaften, die ich toll finde, die mich stolz machen. Aber ängstlich, denn ich weiß nicht, wann ich dagegen steuern sollte. Egal wo wir sind, sie bringt alle um den Verstand. (Dieses Wimpernding ist eine Frechheit, oder?) Riesige Kulleraugen, freches Lächeln mit diesen großen Zahnlücke und liebend gerne auch mit geöffnetem Mund auf Leute zusteuern, die etwas essen, oder die Hände nach oben recken, um auf den Schoß zu gelangen. Wenn wildfremde Menschen dann auf sie reagieren, kann ich das irgendwie verstehen – ich würde es vermutlich auch schwer lassen können. Denn ja, sie ist unglaublich süß dabei. Denkt zum Glück noch, dass alle Menschen gut sind, aber wann und wie erkläre ich ihr nur, dass das einfach nicht der Fall ist? Und wie immer ist es beruhigend zu wissen, dass man mit diesem „Problem“ nicht alleine da steht. Danke für die Anregungen und Denkanstöße und für das Teilen deiner Gedanken!

    • kbartholome

      Liebe Alena, danke für deinen lieben Kommentar! Es ist im Grunde ein nicht ganz einfaches Thema, aber ich denke, es ist wichtig, sehr früh Aufklärung zu betreiben… Das Trotzkopfkind versteht jetzt schon, wenn ich sage, sie darf nicht dieses oder jenes. Ich werde daran weiter arbeiten 😊.
      Ich wünsche dir alles Liebe.
      Katharina

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