Eltern, Menschen, Leben

Geformt durch die Vergangenheit

Die erste Schwangerschaft ist etwas völlig neues für einen Menschen. Jedenfalls war das für mich so. Ich konnte mir mich vorher nie als Mutter vorstellen; mit einem auf mich angewiesenen Baby. Im Ernst, mehr als einmal fragte ich mich: wie ist man Mutter? Was muss man können?

Als ich dann schwanger war hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie ich als Mutter sein würde. Wie ich erziehen würde. Ich fühlte mich glücklich, sicher und selbstbewusst!

Doch so habe ich mich nicht immer gefühlt. Es hat Jahre gedauert, bis ich so wurde, wie ich nun bin. Grund dafür ist meine Schulzeit. Die Schule ab der fünften Klasse war meine persönliche Hölle.

Ich kam auf die weiterführende Schule und kannte so gut wie niemanden. Wie üblich bildeten sich schnell bestimmte Grüppchen. Die Beliebten. Die Coolen. Die Streber. Überraschung: ich gehörte nirgendwo rein. Woran es lag, kann ich selbst heute noch nicht sagen. Vielleicht lag es an meiner Brille. War es mein Haarschnitt? Der komische Name, für den sehr bald ein ziemlich unattraktiver Spitzname erfunden wurde. Oder Pech. In der Gesellschaft ist es nun mal so, dass manche Personen ausgeschlossen, gemieden oder diskriminiert werden. Einfach so.

Nachdem mein Spitzname feststand, verbreitete er sich rasend schnell in der Klasse. Und selbst einige Lehrer belächelten es, wenn ich in ihrer Anwesenheit getriezt wurde. Doch es gab auch andere, die versuchten zu helfen. Wer schon mal gemobbt worden ist, weiß allerdings, dass es manchmal nicht hilfreich ist, die positive Aufmerksamkeit eines Lehrers zu bekommen. Aber so ist es eben- es ist schwer, aus der Situation heraus zu kommen.

Tatsächlich wurde niemand mir gegenüber handgreiflich. Es war reiner Psychoterror. Ich kam in einen Raum und erntete abfällige Blicke oder Bemerkungen. Ich stand vor der Tür und wurde ausgelacht. Ich betete, in der Klasse weder gesehen, noch aufgerufen zu werden. Ich saß auf meinem Handtuch im Schwimmbad und wurde aufgrund meines Badeanzugs blamiert. Scham. Mein Hauptwort. Und so weiter. Die Liste ist lang. Ich hätte die Schule wechseln können- aber ich war sicher, mir würde es woanders genauso gehen. Es konnte ja nur an mir liegen. Also ließ ich es weiterhin über mich ergehen. Irgendwie schaffte ich es.

Während ich älter wurde, traf ich immer mal wieder Menschen, die sich für mich zu  interessieren schienen- und fallen ließen. Doch irgendwann zeigten sich die Richtigen. Die Leute, die meine Freunde wurden und den Schulalltag erträglicher machten. Die, die mir heute noch zur Seite stehen.

Als ich endlich mein Abi hatte, machte ich drei Kreuze. Nie mehr musste ich diesen Leuten täglich gegenüber treten.

Wenn ich an meine Schulzeit zurück denke, fallen mir mehr negative, als positive Situationen ein. Und es gibt die ein oder andere Person, die ich nie vergessen werde. Die dazu beigetragen hat, meinen Alltag zu erschweren.

Ich hätte daran kaputt gehen können. Doch ich bin stärker, als ich es damals gedacht hätte. Ich habe mich nicht klein kriegen lassen.

Vor kurzem erfuhr ich über Umwege, dass sich einer der beteiligten Personen bei mir entschuldigte. Dass all das nicht in Ordnung war und sein Charakter sich verändert habe. Eigentlich hätte mich das nicht interessieren sollen- aus welchen Gründen auch immer, die Person hat einen Teil meines Lebens zerstört.

Doch komischerweise freute ich mich. Ich hörte die Entschuldigung und war ihm dankbar. Dafür, dass er mir Respekt zeigte. Dass er mich als Mensch endlich akzeptierte und respektierte! Menschen ändern sich.

Die Zeit damals war schrecklich für mich. Doch wäre es nicht so gewesen, dann wäre ich heute nicht der Mensch, der ich nun bin. Ich habe gelitten und gekämpft. Aber ich habe nicht aufgegeben. Ich bin stärker und selbstbewusster geworden, als ich es je gedacht hätte. Ich bin stolz auf mich! Ich bin gut, so wie ich bin!

Trotzdem habe ich Narben davon getragen. Ich weigere mich, meine Brille öffentlich zu tragen… Und ich bin immer etwas unsicher, wenn ich nicht weiß, ob ich gemocht werde.

Ich habe große Angst davor, dass meiner Tochter ähnliches passiert. Und deshalb versuche ich schon jetzt, sie zu einem selbstbewussten, starken Mädchen zu erziehen. Sie ist toll und wird ihren Weg gehen.

Heute weiß ich, dass ich eine Mutter sein kann. Jeder Tag meiner Vergangenheit beeinflusste meine Zukunft und auch meine Mutterrolle. Und ich bin absolut glücklich. Mit mir selbst. Mut meiner Familie und mit meinem Leben. Der Weg war steinig- aber ich hatte die richtigen Schuhe an.

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